Schmerzensgeldanspruch eines Kindes nach Verkehrsunfall: Junges Alter und Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit müssen erhöhend berücksichtigt werden

Das Landgericht Mühlhausen hat die VHV Allgemeine Versicherung AG verurteilt, an einen Mandanten meiner Kanzlei ein Schmerzensgeld in Höhe von insgesamt 7.266 € im Zusammenhang mit einem Verkehrsunfall zu zahlen (LG Mühlhausen, Urteil vom 28.10.2021, Az. 6 O 368/20).

Der 2012 geborene Mandant wurde im Alter von 6 Jahren beim Überqueren einer Straße von einem PKW erfasst, flog mehrere Meter durch die Luft und kam auf der Straße zum Liegen. Er musste durch den Rettungsdienst in eine Uniklinik eingeliefert werden und wurde dort 5 Tage stationär behandelt. Er erlitt infolge des Unfalls eine Femurschaftfraktur links, eine MHK 1-Basisfraktur links sowie ein Schädelhirntrauma 1. Grades. Der Mandant musste sich zwei Operationen einschließlich Metallentfernung unterziehen. Außerdem nahm er nach Entlassung aus dem Krankenhaus bis zu dreimal täglich Ibuprofen 250 mg sowie Novalgin 250 mg zur Schmerzbehandlung ein. Er konnte zwei Wochen den Kindergarten nicht besuchen. Darüber hinaus war er faktisch drei Monate lang erheblich in seiner Bewegung eingeschränkt – er musste mehr als zwei Monate an Krücken laufen und konnte keinen Sport betreiben (er spielte regelmäßig Fußball im Verein). Er musste beim Kindergartenabschlussfest, welches eine Übernachtung auf einer Burg beinhaltete, von seinem Vater begleitet werden, weil er verletzungsbedingt Hilfe benötigte und nicht an allen Aktivitäten teilnehmen konnte.

Wir hatten die KFZ-Haftpflichtversicherung zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 7.266 € aufgefordert. Die Beklagte erstattete hierauf insgesamt nur 4.000 €. Daher wurde die Haftpflichtversicherung auf Zahlung des Differenzbetrages verklagt. Das Landgericht Mühlhausen bestätigte im Ergebnis das von uns beanspruchte Schmerzensgeld in Höhe von insgesamt 7.266 €.

Wir hatten unter anderem damit argumentiert, dass auf ein junges Kind ein fünftägiger stationärer Krankenhausaufenthalt deutlich belastender als auf einen Erwachsenen oder einen älteren Jugendlichen wirkt, weil das Kind die Trennung vom häuslichen Umfeld als belastender empfindet. Einem Kind fehlen während einer stationären Behandlung Eltern, Geschwister, Kindergarten und alle Freunde; auch die Eltern stehen nur eingeschränkt zur Verfügung. Unabhängig hiervon können auch die Heilbehandlungen selbst durchaus unangenehm sein. Hinzu kommt, dass Kinder altersbedingt regelmäßig einen höheren Bewegungsdrang als Erwachsene haben. Eine erzwungene Ruhigstellung im Rahmen der Schonphase wird von Kindern nahezu immer als besonders belastend empfunden. Diese Umstände mussten nach unserer Auffassung zu einer deutlichen Erhöhung des Schmerzensgeldes führen.

Das Gericht bestätigte im Ergebnis die Höhe des geltend gemachten Schmerzensgelds und begründete dies unter anderem wie folgt:

„Allerdings muss das junge Alter des Klägers im Rahmen der Bemessung des Schmerzensgeldanspruches Beachtung finden. Gerade bei Kindern ist eine längerfristige Einschränkung der Bewegungsfreiheit – wie sie hier vorgelegen hat – eine besondere Belastung und wirkt sich schmerzensgelderhöhend aus (vgl. LG Hagen, Urteil vom 08.09.2015 – 3 0 126/14, juris Rn. 37). In diesem Zusammenhang ist es für das Gericht auch plausibel und im Übrigen unbestritten, wenn die Klägerseite vorträgt, Kinder hätten altersbedingt regelmäßig einen höheren Bewegungsdrang als Erwachsene – die erzwungene Ruhigstellung im Rahmen der Schonphase werde von ihnen des halb nahezu immer als besonders belastend empfunden.

Bei einem Vergleich der durch die Rechtsprechung ausgeurteilten Schmerzensgeldbeträge bei ähnlichen streitgegenständlichen Verletzungen wie sie der Kläger erlitt, erachtet das Gericht ei nen Schmerzensgeldbetrag von 7.266,00 Euro für gerechtfertigt.

Das Gericht hat sich dabei maßgeblich an der Entscheidung des LG Hagen vom 08.09.2015 orientiert, wo das Landgericht Hagen einer viereinhalb Jahre alten Klägerin, die aufgrund einer nicht ordnungsgemäßen Sicherung eines Möbelelements in einer Bäckerei eine Fermurschaftfraktur am linken Bein erlitt, 4 Tage stationär behandelt wurde, 2 Narben als Dauerfolgen davon trug, für fast 2 Monate die Kindertagesstätte nicht besuchen und erst nach etwa 5 Monaten wieder am Turnunterricht teilnehmen konnte, ein Schmerzensgeld von 7.000 Euro zugesprochen hat (LG Hagen, Urteil vom 08.09.2015 – 3 O 126/14, juris).

Sowohl von der Verletzung als auch den Einschränkungen ist die Sachverhaltskonstellation des LG Hagen mit der hiesigen sehr ähnlich.

Das Gericht verkennt dabei nicht, dass die Klägerin im Fall des Landgerichts Hagen zusätzlich unter psychologischen Folgen des Unfalls gelitten hat sowie zum Zeitpunkt des Urteils litt und sie entsprechend in Behandlung war.

[…]

Entscheidend kommt hinzu, dass der Kläger sich durch den Unfall neben der Oberschenkelfraktur noch eine Mittelhandfraktur und ein Schädelhirntrauma 1. Grades zuzog, was zwangsläufig mit zusätzlichen Schmerzen verbunden war.

In diesem Zusammenhang muss nach Ansicht des Gerichts vorliegend ebenfalls Berücksichtigung finden, dass der Kläger durch die Art seiner Verletzungen – nämlich im linken Bein-Armbereich und besonders in seiner Bewegung während des Heilungsprozesses eingeschränkt war. So ist zu bedenken, dass bei einem gebrochenen Oberschenkel eine Fortbewegung durch Krücken in aller Regel gleichwohl möglich sein kann, während dies nicht der Fall oder nur eingeschränkt möglich ist, wenn der Kläger auf der linken Seite sowohl seinen Oberschenkel als auch seine Hand gebrochen hatte.

Schließlich ist maßgeblich schmerzensgeldbeeinflussend, dass der Unfall zu einer Beinverkürzung des Klägers geführt hat. Dies erachtet das Gericht als zwischen den Parteien unstreitig. Soweit der Kläger vorgetragen hat, der Unfall habe zu einer Beinverkürzung geführt, weitere Wachstumskontrollen seien noch erforderlich und geplant – aus der klinischen und medizinischen Erfahrung könne es im Rahmen einer Femurfraktur zu einem überschießenden Wachstum des entsprechenden Knochens kommen, somit konsekutiv zu einer Beinlängendifferenz mit Beinverlängerung auf der betroffenen Seite, was abschließend erst im Verlauf des Wachstums geklärt werden könne, ist die Beklagte dem lediglich mit dem Vortrag entgegnet, etwaige Folgeschäden wie die mögliche Beinlängendifferenz seien durch ihre Erklärung vom 22.01.2020 abgesichert. Damit bezieht die Beklagte sich nach Ansicht des Gerichts allein auf mögliche Folgeschäden in Form der durch den Kläger vorgetragenen möglichen Beinverlängerung, lässt aber die klägerische Behauptung einer derzeitigen Beinverkürzung unbestritten. Die etwaige Beinverlängerung ist im Rahmen der jetzigen Schmerzensgeldbemessung aufgrund der Erklärung der Beklagten vom 22.01.2020 tatsächlich nicht zu berücksichtigen, während die Beinverkürzung in die Bemessung des Schmerzensgeldes als derzeit bestehende unfallkausale Folge einfließen muss. Diesen sämtlichen Erwägungen steht schließlich nicht die durch die Beklagtenseite angeführte Entscheidung des KG Berlin vom 31.10.1994 – 12 U 4031/93 entgegen, auch wenn in dem dortigen Verfahren das KG Berlin einem dreijährigen Kind allein ein Schmerzensgeld von 8.000 DM zugesprochen hat, welches eine Oberschenkelfraktur rechts erlitt, für 61/2 Wochen in Rückenlage mit hochgelagerten, extentierten Beinen liegen musste, weitere 11/2 Wochen stationär mobilisiert wurde; sodann zwei bis drei Monate lang zweimal wöchentlich eine häusliche krankengymnastische Behandlung erforderlich war, die anschließend in der Praxis eines Krankengymnasten einmal wöchentlich fortgesetzt wurde und einen Dauerschäden in Form einer Außendrehstellung des rechten Oberschenkelknochens gegenüber links um 20 Grad sowie leichte Bewegungseinschränkungen für die Rotationsbeweglichkeit des rechten Hüftgelenks gegenüber links erlitt.

Ein derartiges Schmerzensgeld erachtet das erkennende Gericht im Fall des KG Berlin bei den dort gegebenen Behandlungserfordernissen und einem Dauerschaden als zu gering. Zur Höhe des Schmerzensgeldes ist jene Entscheidung nach Ansicht des Gerichts nicht überzeugend. Weiterhin muss Berücksichtigung finden, dass die Entscheidung bereits einige Jahrzehnte alt ist und aufgrund der Inflation, die derzeit als stark zu bezeichnen ist, sich ein Betrag von über 7.000 Euro errechnen dürfte. Schließlich erlitt der Kläger vorliegend neben einer Oberschenkelfraktur zusätzlich eine Mittelhandfraktur links sowie ein Schädelhirntrauma 1. Grades mit den oben genannten Einschränkungen.

Unter Berücksichtigung sämtlicher Erwägungen erscheint ein Schmerzensgeldbetrag in der beantragten Höhe von 7.266 Euro angemessen.“

(Die Entscheidung war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags nicht rechtskräftig)

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